Ein Zeichen gegen das Vergessen: Der Gedenkstein für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus in Neuengamme (1985)
Im Jahr 1985, vierzig Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus, setzte die Unabhängige Homosexuelle Alternative (UHA) ein historisches Zeichen. Zum ersten Mal wurde in der Bundesrepublik ein offizieller Gedenkstein errichtet, der ausdrücklich den homosexuellen Opfern der NS-Verfolgung gewidmet war. Diese Initiative ging von der UHA aus, dem Verein, aus dem später das Magnus-Hirschfeld-Centrum hervorging, und entstand aus der Überzeugung, dass eine bis dahin kaum beachtete und jahrzehntelang marginalisierte Opfergruppe endlich sichtbar gemacht werden müsse.
Homosexuelle Menschen galten im nationalsozialistischen Deutschland als „entartet“ und „volksschädlich“. Sie wurden verfolgt, inhaftiert, gefoltert und ermordet – oft gekennzeichnet mit dem Rosa Winkel. Auch nach 1945 setzte sich die Diskriminierung fort, denn der verschärfte §175 blieb in der Bundesrepublik bis 1969 unverändert in Kraft und verhinderte eine gesellschaftliche wie rechtliche Rehabilitierung. Die UHA wollte diesem Schweigen ein Ende setzen und den homosexuellen Opfern des KZ-Systems einen würdigen Ort des Erinnerns schenken.
Was einfach klingt, war ein schwieriger Weg. Die Idee nahm Anfang 1985 Gestalt an. Der Stein musste entworfen, finanziert und genehmigt werden – und gerade die Genehmigung entwickelte sich zum Kraftakt. Obwohl die UHA zunächst auf Zustimmung stieß, entzog die Kulturbehörde die bereits zugesagte Erlaubnis kurzfristig wieder. Es brauchte entschlossene Briefe, offene Kritik und viel diplomatische Arbeit, ehe die Genehmigung schließlich erteilt wurde. Unterstützt wurde das Projekt durch die engagierte Mitarbeit einzelner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Hamburger Behörden, die sich gegen Widerstände in Verwaltung und Politik durchsetzten. Gleichzeitig mussten interne Abstimmungen innerhalb der queeren Community bewältigt werden. Verschiedene Gruppen aus Hamburg und anderen Städten diskutierten Fragen der Finanzierung, der gemeinsamen Verantwortung und der angemessenen Darstellung. Doch trotz aller Hindernisse blieb die Solidarität groß – und schließlich trugen zahlreiche deutsche und internationale Organisationen durch Spenden und Grußworte zum Gelingen bei.

Am 11. Mai 1985 wurde der rosafarbene Granitstein im ehemaligen Konzentrationslager Neuengamme feierlich gesetzt. Rund 150 bis 200 Menschen nahmen teil – Homosexuelle und Heterosexuelle, junge und ältere Menschen, Aktivistinnen, Zeitzeuginnen und Politikerinnen. Vertreterinnen der SPD, der Grünen und der FDP waren anwesend oder hatten Grußworte geschickt.
Besonders eindrucksvoll war die Rede des SPD-Bundestagsabgeordneten Freimut Duve, der die besondere Grausamkeit der Verfolgung homosexueller Häftlinge schilderte und betonte, dass die demokratische Gesellschaft Minderheiten schützen müsse. Ulla Lohmann, SPD-Politikerin aus Hamburg, erinnerte daran, dass Minderheiten damals wie heute gefährdet seien und dass Freiheit nur Bestand habe, wenn die Freiheit des „Andersdenkenden“ geschützt werde.
Herbert Rusche, Abgeordneter der Grünen, prangerte an, dass homosexuelle Überlebende noch immer keine Wiedergutmachung erhielten und forderte die vollständige Rehabilitierung aller Betroffenen. Auch der Historiker und Aktivist Hans-Georg Stümke, selbst UHA-Mitglied, machte deutlich, dass die Emanzipation homosexueller Menschen untrennbar mit dem Zustand der Demokratie verbunden sei.
Die Gedenkfeier erhielt Unterstützung von weit über Hamburg hinaus. Organisationen aus Köln, Bremen, München und Dortmund sandten Solidaritätsadressen. Aus dem Ausland kamen Grußworte und Spenden von Gruppen aus Zürich, Wien, Paris, Belgien, den Niederlanden, Skandinavien und sogar aus den USA und Großbritannien. Diese internationale Resonanz zeigte, wie sehr die Erinnerung an die homosexuellen Opfer des Faschismus ein gemeinsames Anliegen der weltweiten LGBTQ-Bewegung war – und wie stark der Wunsch nach Sichtbarkeit und historischer Gerechtigkeit.
Das Medienecho war für damalige Verhältnisse bemerkenswert. Neben der queeren Presse berichteten auch große Tageszeitungen wie „Die Welt“, die „Süddeutsche Zeitung“ und die „Nordwestdeutsche Zeitung“ über die Gedenksteinsetzung. Der NDR griff das Thema ebenfalls auf. International erschienen Berichte in London, Dublin, Paris und den USA – ein außergewöhnlicher Erfolg für ein Gedenken, das aus der Community heraus initiiert wurde, lange bevor staatliche Stellen sich diesem Teil der Geschichte zuwandten.
Der Stein in Neuengamme steht bis heute als mahnendes Zeichen. Er erinnert an Menschen, die entrechtet, gedemütigt und ermordet wurden, weil sie liebten. Er erinnert an Jahrzehnte des Schweigens, die darauf folgten. Und er erinnert daran, dass demokratische Gesellschaften nur dann bestehen können, wenn sie Minderheiten schützen, Diskriminierung benennen und historische Verantwortung übernehmen. Für das mhc ist dieser Gedenkstein ein zentraler Teil der eigenen Geschichte – ein Symbol für Mut, Beharrlichkeit und die Kraft gemeinschaftlicher Solidarität.
Standort:
Hinweis: Der ursprünglich 1985 eingesetzte Gedenkstein befindet sich heute nicht mehr an der im historischen PDF beschriebenen Stelle, er wurde in den Gedenkhain umgesetzt, wo er nun in direkter Nachbarschaft zum Internationalen Mahnmal zusammen mit weiteren Denkmälern und symbolischen Grabsteinen an die Opfer des KZ Neuengamme erinnert.
Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Befreiung des KZ Neuengamme – 4. Mai 2025
Am 4. Mai 2025 schloss eine besondere Gedenkveranstaltung den offiziellen Erinnerungstag zum 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Neuengamme ab. Gemeinsam organisiert wurde sie von der Initiative Gemeinsam gegen das Vergessen – Stolpersteine für homosexuelle NS-Opfer, dem Queer History Month und dem mhc Hamburg.
Die Teilnehmenden versammelten sich zunächst am historischen Arrestbunker der Gedenkstätte, bevor sie zum Gedenkhain gingen – jener Anlage, in der sich heute der umgesetzte Gedenkstein für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus befindet. Die Redebeiträge erinnerten eindringlich an die entrechteten und ermordeten homosexuellen Häftlinge des KZ Neuengamme und betonten zugleich die Verantwortung der Gegenwart, queere Geschichte sichtbar zu halten und jeder Form der Ausgrenzung entgegenzutreten.

Für das mhc hielt Klaus-Dieter Begemann eine Rede, er erläuterte dass homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus über Jahrzehnte aufgrund des weitergeltenden §175 totgeschwiegen und nicht entschädigt wurden. Erst durch Bücher wie „Die Männer mit dem Rosa Winkel“ und „Rosa Winkel, Rosa Listen“ gelangte ihr Schicksal langsam in die öffentliche Wahrnehmung. Die Hamburger Community und internationale Initiativen setzten ab 1984 entscheidende Impulse, die 1985 zur Errichtung des ersten Gedenksteins dieser Art in der Bundesrepublik führten. Die Steinsetzung stieß zunächst auf Widerstand, wurde aber schließlich durch die Intervention der Kultursenatorin Helga Schuchardt ermöglicht. In den folgenden Jahrzehnten wurden §175 aufgehoben, NS‑Urteile für nichtig erklärt und späte Rehabilitierungen und Entschädigungen beschlossen – jedoch für viel zu wenige Betroffene. Der Gedenkstein mahnt bis heute, die vergessenen Opfer sichtbar zu halten und demokratische Wachsamkeit zu bewahren. Die Rede endet mit Stümkes Appell, dass die Emanzipation homosexueller Menschen ein demokratisches und kein medizinisches Problem ist – und dass Wachsamkeit die Voraussetzung jeder Demokratie bleibt.
Dank des Engagements zahlreicher Aktivistinnen, Historikerinnen und Initiativen entstand ein würdiges, eindrucksvolles Gedenken, das die lange übersehenen Opfergruppen erneut in den Mittelpunkt der Erinnerungskultur rückte.
Aufzeichnung der Veranstaltung am Arrestbunker (Pink Channel Hamburg):
https://www.youtube.com/watch?v=kvzZGkB6drg
Aufzeichnung der Veranstaltung am Mahnmal (Pink Channel Hamburg):
https://www.youtube.com/watch?v=In2M5yvzyXk
Reden der Gedenkveranstaltung an die homosexuellen Häftlinge (PDF):
https://www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de/fileadmin/user_upload/aktuelles/2025/Maifeier/Reden_Gedenken_an_homosexuelle_Haeftlinge_04_05_2025.pdf
ein Bericht bei 2mecs.de
https://www.2mecs.de/wp/2025/05/gedenken-an-homosexuelle-haeftlinge-kz-neuengamme-4-mai-2025/
